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<<Friedrich Pohlmann: Der kreative Einfall - Wie
Kunst entsteht>>
Institut fuer Soziologie, D-79085 Freiburg
Fax 0761-203-3493 Tel 0761-696059
friedrich.pohlmann@soziologie.uni-freiburg.de
1. Vorbemerkung
Man mache sich doch einmal klar, was einem im Laufe eines Spaziergangs alles
einfallen kann. Da sind die vielen ganz heterogenen Assoziationen, die Eindrücke
von den Passanten - ihres Gesichtsausdrucks, Körpers, ihrer Kleidung, ihres
Gangstiles - in uns hervorgerufen haben - blitzschnelle soziale Einordnungen,
innere Äußerungen von Sympathie oder Antipathie, Phantasien über ihr Verhalten
in bestimmten Situationen oder eine durch irgendein Detail ihrer Person ganz
plötzlich freigesetzte Erinnerungskette über weit zurückliegende eigene
Erlebnisse. Da sind die nicht minder vielfältigen Gedanken und
Vorstellungsbilder, die durch die durchquerte Umgebung angeregt wurden - kurze
ästhetische Beurteilungen von Häusern, eine sich schnell ins Nichts auflösende
tagtraumartige Selbstverwandlung in den Besitzer des schönsten von ihnen,
aufsteigende Reminiszenzen an einen Roman bei einer bestimmten
Landschaftsansicht, die zugleich einen Vorstellungsfunken entzünden, der kurz zu
einer erotischen Szene aus demselben hüpft, und dann der innere Monolog über
ästhetische Barbarei in der Gegenwartsgesellschaft, den die deprimierende
Wahrnehmung der Silhouette eines anfang der siebziger Jahre erbauten
Hochhausviertels ausgelöst hat. Da sind, zusätzlich zu den Einfällen, die
visuelle Wahrnehmungen ausgelöst haben, jene, denen ein Hör- oder Riecherlebnis
zugrundeliegt, - Einfälle, die natürlich keineswegs Hör- oder Riechvorstellungen
zu sein brauchen. Es ist im Gegenteil sogar sehr häufig - und gerade diese
Einfalls-Fälle sind besonders interessant -, daß Wahrnehmungen auf einem
bestimmten Sinnesgebiet Einfälle ganz anderer Provenienz in unsere Vorstellung
hineinwehen, zum Beispiel ein Geruchseindruck ein “inneres” Melodiefragment oder
eine Geräuschwahrnehmung ein inneres Bild. Die leichte Melancholie zum Beispiel,
in die spätsommerliche Lichteffekte manchmal Landschaften einhüllen -
Assoziationen an stillstehende Zeit auslösend - verwandeln sich in mir nicht
selten in gedämpft-verhangene Akkord- und Melodieverbindungen, die aus der Ferne
zu kommen scheinen und an Brahms erinnern. Wir kennen auch das faszinierende
Phänomen des “Zusammenklangs” verschiedener Sinnesvorstellungen in unseren
Einfällen, wenn sich akustische, visuelle und Riechvorstellungen in einem
vieldimensionalen Gesamt überlagern und durchdringen, zu dem es in der Außenwelt
nur unzureichende Analogien gibt.
Natürlich ist nur ein Teil der Einfälle, die man im Laufe eines Spaziergangs
hat, durch Sinneswahrnehmungen hervorgerufen worden. Daß mir gestern ungefähr
nach der Hälfte meines Weges das Bild eines unsympathischen Kollegen plötzlich
vor das innere Auge schoß und diesem Bild in Blitzesgeschwindigkeit das Wort
“Idiot” hinterher geflogen kam, das ich dann begrüßte, hatte keineswegs damit zu
tun, daß ich kurz zuvor am Wegesrand etwas Unangenehmes gesehen hatte.
Allerdings hatte ich vor einigen Tagen eine unangenehme Begegnung mit diesem
Kollegen. Da hat er sich eine nur notdürftig verpackte Frechheit gegen mich
erlaubt, zu der mir keine passende Entgegnung einfiel. Das hat mich ziemlich
gewurmt, aber ich nehme das jetzt nicht mehr ernst, denn mir sind gestern im
Anschluß an das Bild seines Gesichtes und das dieses so treffend
charakterisierende Wort so viele spritzige Bosheiten eingefallen, daß er in dem
Gespräch, das ich mit ihm darauf im Geist führte, völlig chancenlos blieb und
kuschend das Terrain räumte. Trotzdem - wenn ich ehrlich zu mir bin, waren die
meisten Einfälle, die mir gestern auf dem Spaziergang kamen, nicht sonderlich
originell. Sie überschritten keineswegs das Niveau von Allerweltsideen und
-bildern, und auch mein glorreicher Kampf mit dem Kollegen ist nicht wert, lange
im Gedächtnis behalten zu werden, denn er ist nichts weiter als eine jener
Formen nachträglicher Schlagfertigkeit, die der Franzose “esprit de l’escalier”
nennt. In ihnen aber bringt es jeder zum Meister. Einen Einfall möchte ich davon
aber ausnehmen. Er ist nicht ganz gewöhnlich und verdient, zu einem kleinen Werk
ausgesponnen zu werden, der Einfall nämlich, einen Essay über den Einfall zu
schreiben. Was ist charakteristisch für kreative Einfälle? Wie kommen sie
zustande? Gibt es dafür bestimmte Grundvoraussetzungen und Regelhaftigkeiten?
Gibt es psychophysische Zustände, die sie anlocken und solche, die sie
fernhalten? Und schließlich und vor allem: Wie verknüpfen sich kreative Einfälle
zu einem Kunstwerk? Gibt es ähnliche Grundmerkmale des schöpferischen Prozesses
in allen Kunstgebieten?
Wer über den kreativen Einfall nachdenkt, kommt nicht umhin, dasjenige geistige
Terrain etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, in dem Einfälle entstehen: die
menschliche Vorstellungskraft. Damit wollen wir beginnen. Fragen wir zunächst
nach den Eigentümlichkeiten der Vorstellungskraft im Vergleich zu den anderen
Erkenntnispotenzen des Menschen. Das wird uns auch zu einer ersten begrifflichen
Fixierung der herausgehobenen Stellung des kreativen Einfalls im Vergleich zu
Alltagseinfällen befähigen.
2. Vorstellungskraft und Phantasie
Das menschliche Erkenntnisvermögen ist als Zusammenspiel von drei
Erkenntniskräften beschreibbar: der Wahrnehmung, der Vorstellung und des
Denkens. Vor allem Aristoteles und Kant haben die Eigenständigkeit der
Vorstellungskraft stark betont. Sie ist in der Tat von der Wahrnehmung klar
getrennt, weist aber fließende Übergänge zum Denken auf. Ich gebe einen kurzen
Überblick über ihre Grundmerkmale( vgl zum folgenden: Popitz 2000, 84ff.) .
Da ist als erstes die Fähigkeit zur Vergegenwärtigung des Abwesenden
herauszuheben. Vorstellend kann sich der Mensch aus “den Klammern seiner
unmittelbaren Raum-Zeit-Gegenwart befreien” (Arnold Gehlen), kann er Vergangenes
zurückrufen, in eine mögliche Zukunft eintauchen, sich in ferne Räume versetzen,
in Phantasiewelten jeglicher Art. Das Vorstellen geht zumeist mit dem Bewußtsein
einer Differenz des Vorgestellten zum Wirklichen einher. Dieses
Differenzbewußtsein kann sich allerdings in bestimmten psychophysischen
Zuständen auch nahezu auflösen - in Halluzinationen zum Beispiel -, und im Traum
fehlt es fast immer. Eben deshalb, weil uns die Traumwirklichkeit als
real-gegenwärtiges Geschehen begegnet, weil der Traum Wahrnehmungs-Illusionen
produziert, soll er nicht zu den Vorstellungsphänomenen gerechnet werden.
Zweites Grundmerkmal der menschlichen Vorstellungskraft ist ihre
Vieldimensionalität, die der Vieldimensionalität unserer Wahrnehmungsfähigkeit
entspricht. Es gibt visuelle, akustische, taktile und genauso Geruchs- und
Geschmacksvorstellungen. Sie können sich leicht wechselseitig ineinander
umsetzen, die eine die andere evozierend, wie bei Marcel Proust, bei dem Gerüche
und Geruchsvorstellungen die ganze Welt der Kindheit wiederaufstehen ließ, und
sie können auch in vielfältigen Synthesen - gewissermaßen zu einem Zusammenklang
- verschmelzen. Hüten muß man sich bei der Beschreibung dieser Vorstellungsarten
vor allen Vermischungen mit Phänomenen aus dem Reich des Wahrnehmbaren. So ist
beispielsweise die Vorstellung eines ohrenbetäubenden Lärms weder lauter noch
leiser als diejenige eines Murmelns, und sie ist auch keineswegs so etwas wie
ein sehr leises Hören von etwas sehr Lautem: Visuelle, akustische, taktile,
olfaktorische oder geschmackliche Vorstellungen sind sozusagen immer nur ein
Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken in Anführungszeichen, ohne die
geringste sinnliche Zugabe (vgl. Ryle 1949, 232ff.). Natürlich werden sie häufig
durch Wahrnehmungen stimuliert.
Daß zwischen der Wahrnehmung und der Vorstellung eine unüberbrückbare Kluft
liegt, ließe sich an Vielem illustrieren. Ich hebe nur einen Punkt hervor: den
Überschußcharakter unserer Vorstellungswelt. Meine Wahrnehmungen kann ich
weitgehend steuern, und ich kann auch willentlich durch Manipulation der
entsprechenden Organe auf das Wahrnehmen verzichten. Hingegen kann ich nicht
Nicht-Vorstellen. Ich kann zwar meine Vorstellungen bis zu einem bestimmten
Grade formen, aber entfliehen kann ich meiner Vorstellungskraft nie. Daß ich ihr
ausgeliefert bin, gilt darüber hinaus aber auch noch in einem anderen Sinn,
nämlich als Wehrlosigkeit gegenüber bestimmten obsessiv wiederkehrenden
Inhalten; als Fesselung an Vorstellungen, die ungerufen auftauchen und das
Innenleben in bedrängender Eigendynamik okkupieren. Das können wiederkehrende
Ängste sein oder Aggressionen von erschreckender Radikalität, oder sich
fixierende sexuelle Wünschen, die als pathologisch tabuiert sind, aber auch
Todesfurcht und Todessehnsucht.
Wie bereits einige Male anklang, gibt es sehr unterschiedliche Grade der Lenkung
und Formung unserer Vorstellungen. Das eine Extrem bezeichnen die fließenden
Bilderströme, denen wir uns passiv überlassen; ungelenkte, frei flottierende
Sequenzen, die mit Vorliebe in bestimmten psychophysischen Zuständen, Zuständen
der Müdigkeit, Erschöpfung oder eines entspannten quasi-meditativen Selbstbezugs
auftauchen, in manchmal vieldimensionalen und merkwürdig entrückten
Zusammenklängen. Hingegen lenken und formen wir unsere Vorstellungen, wenn wir
sie auf bestimmte Bahnen führen, zu bestimmten Themen hin und Ablenkendes
abwehren; und je bewußter und kontrollierter dieses geschieht und je stärker
dabei die Leitfäden begrifflicher Orientierungen werden, desto mehr geht die
Vorstellungsproduktion in den Bereich des Denkens über. Wichtig für kreative
Vorstellungsprozesse, darauf gehe ich gleich noch ausführlich ein, ist das
Wechseln-Können vom ungelenkten zum gelenkten Vorstellen.
Selbstverständlich ist unsere Vorstellungskraft durch und durch soziokulturell
geprägt, im Was und Wie ihrer Produktionen. In jeder Gesellschaft bezwecken
Normen und Tabus nie nur die Formung von Handlungen, sondern immer auch von
Vorstellungen, und die Kontrolle der Vorstellungswelt ist ein zentraler Baustein
sozialer Kontrolle. Freilich erschöpft sich die soziale Prägung der
Vorstellungswelt nie in der Auferlegung von Vorstellungsverboten, deren
Übertretung Angst und Schuldgefühle auslösen sollen, sondern die Verbote
bedürfen immer auch der Ergänzung durch Vorstellungsangebote, Idealbilder des
gesellschaftlich Gewünschten. Die Vorstellungswelt läßt sich nur bändigen, wenn
sie beschäftigt wird. Natürlich unterscheiden sich die Machtmöglichkeiten von
Gesellschaften hinsichtlich dieser positiven und negativen Prägungen der
Vorstellungswelt eklatant. Sie sind desto größer, je intensiver und fragloser
transzendente Vorstellungsbezüge verankert sind. Der Verlust des Religionsbezugs
durch die anthropozentrische Selbstauslegung des Menschen in der europäischen
Neuzeit und die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft führten zu einer
unendlichen Ausdehnung und Vervielfältigung der Vorstellungsmöglichkeiten bei
gleichzeitiger Minimierung von Schuldgefühlen. In unserer Gegenwartsgesellschaft
sind Vorstellungskontrollen inhomogen und widersprüchlich, wodurch der Bereich
des Vorstellbaren immer grenzenloser wird. Die individuellen
Gestaltungsmöglichkeiten haben sich enorm vergrößert und vervielfältigt, aber
dieser Freiheitsgewinn ist erkauft mit dem Verlust der stabilisierenden
Funktion, die die Vorstellungswelt in traditionalen Gesellschaften normalerweise
für die Person hatte.
Trotz aller Vorstellungskontrollen ist es aber prinzipiell keiner Gesellschaft
möglich - weder den einfachsten Naturvölkerkulturen noch den modernen
totalitären Systemen - die Vorstellungskraft ihrer Mitglieder völlig ans
Gegebene zu fesseln. Sie vermag dieses immer - in irgendeiner Form - zu
übersteigen, und deswegen ist die Vorstellungskraft der Inbegriff der Fähigkeit
des Menschen zur Selbsttranszendierung, seines anthropologisch verankerten
Bedürfnisses zur Selbstverwirklichung durch Überschreiten des “Ist”. Durch
unsere Vorstellungskraft vermögen wir das Wirkliche im Lichte des Möglichen zu
sehen, als alternativenoffen. So geht die Kreation neuer Wirklichkeiten auf das
kreative Überschreiten des Wirklichen in der Vorstellung zurück.
Es ist genau diese Dimension unserer Vorstellungskraft - das vorstellende
Überschreiten des Wirklichen im Hinblick auf die Kreation neuer Wirklichkeiten -
für die ich den Begriff der Phantasie reservieren möchte. Phantasie - das soll
zweierlei umschließen: das vorstellende Eindringen ins Unbekannte, ins
Verborgene, ins Noch-Nicht, und die Intention der Überführung dieses neuen
Vorstellungsgebildes in die Wirklichkeit, in ein neues Wahrnehmungsgebilde.
Genau durch die Hinzunahme dieser Intention spitzen wir den Phantasiebegriff so
zu, daß er die unverbindlichen Produktionen unserer Vorstellungskraft nicht
mitumfaßt, und genau durch dieses Kriterium wird es auch möglich, meinem
Einfall, einen Essay über den Einfall zu schreiben, mit gewissen Vorbehalten und
Einschränkungen den Status einer Phantasieleistung zuzuerkennen. Daß ich gerade
dabei bin, den Essay zu schreiben, ist der beste Beweis dafür, daß dieser
Einfall mehr war als eine der vielen guten Ideen, die uns im Laufe eines Tages
begegnen und wieder verschwinden.
Ohne die Phantasie im gerade skizzierten Sinn könnte es nichts Neues geben,
weder auf dem Gebiet der Religion, der Wissenschaft, der
Gesellschaftskonstruktion, noch der Kunst. Ich will mich im folgenden nur mit
kreativen Vorstellungen im Bereich der Kunst beschäftigen. Mich interessiert
zunächst die Frage nach einigen psychophysischen Grundvoraussetzungen kreativer
Einfälle. Konkret: Sind sie in allen Situationen und Stimmungen möglich, oder
gibt es solche, die sie anlocken und solche, die sie absperren?
3. Die kreative Stimmung
Kein kreativer Einfall - egal ob es nur ein treffendes Wort ist oder eine Idee
für ein ganzes Werk - läßt sich herbeizwingen, und genausowenig folgt die
Verknüpfung von Einfällen, die bei der Erschaffung eines Kunstwerks stattfindet,
gängigen Mustern von Arbeitsprozessen. Mit dieser Bemerkung will ich keineswegs
irgendwelchen Genievorstellungen das Wort reden und auch nicht behaupten, der
kreative Prozeß sei nicht mühevoll. Sondern damit soll das Augenmerk zunächst
nur auf einige besondere Merkmale der Situation gelenkt werden, in der er einzig
möglich ist. Kreatives Tun - damit will ich beginnen - kann nur aus einer
bestimmten Stimmung erwachsen, aus einem spezifischen psychophysischen Zustand,
auf dessen Erscheinen man freilich nicht passiv zu warten braucht, sondern den
man - beim Vorliegen gewisser Grundvoraussetzungen - bis zu bestimmten Grenzen
auch selbst herbeiführen kann. Das wird um so einfacher, je mehr Erfahrungen man
auf diesem Gebiet bereits gesammelt hat. Künstler sind irgendwann sogar fähig,
die schöpferische Stimmung, die sie brauchen, durch Individualroutinen
anzulocken, sich selbst - wie der Bildhauer Brancusi das schön ausgedrückt hat -
unter “die Bedingungen zu bringen, unter denen sie die Dinge machen können”. Es
gibt ein Wort, von Psychologen und Anthropologen zumeist im Zusammenhang mit dem
Spiel benutzt, das diese Stimmung besonders gut trifft, und zwar deshalb, weil
bereits sein Klang und die Assoziationen, die er zum Schwingen bringt, die
psychophysischen Gefühlsebenen dieser Stimmung nachzuahmen scheinen. Es ist
dieses das Wort vom “entspannten Feld”. “Entspanntes Feld” bezeichnet ein
Selbstverhältnis, bei dem man sich in einer neuartigen Weise erfährt - geweitet
und in einer schmiegsamen Hinwendung zu sich selbst, die zum freundlichen
Schweifen und Durchstreifen der eigenen Innenwelt einlädt. Konkretisieren wir
das. Eines der Grundmerkmale der kreativen Stimmung ist Lockerheit und
Durchlässigkeit. Wer sich verspannt fühlt oder durch Müdigkeit schwer, wird
schwerlich etwas Originelles zustande bringen. Genausowenig paßt die kreative
Stimmung zu bestimmten Charakterisierungen, die über einzelne Künstler
vielfältig tradiert worden sind. Beethoven zum Beispiel ist öfter in tragisch
umwitterter Heroenpose dargestellt worden, wie ein Künstler-Kämpfer mit
zerfurchter - Allem Trutz bietender - Stirn, entschlossen, der Welt prometheisch
seinen Kunst-Willen aufzuzwingen. Ich will nicht abstreiten, daß bestimmte
Stücke von ihm eine Affinität zu derartigen Bildern besitzen, aber das bedeutet
keineswegs, daß Beethoven selbst diese Stücke im Gefühlszustand des heroischen
Kämpfers geschrieben hat oder hätte schreiben können, und genauso falsch ist
auch die Gymnasialweisheit vom Leiden als einer der Grundvoraussetzungen für
künstlerische Produktivität. Wer Leiden oder Trauer künstlerisch darstellen
will, muß zwar die Fähigkeit zur intensiven Erfahrung dieser Gefühle in seiner
Vorstellungskraft besitzen, aber die Vorstellung des Leidens ist etwas sehr
anderes als die Erleidung des Leidens, und solange jemand selber intensiv leidet
oder trauert, wird er Leiden oder Trauern nicht künstlerisch gestalten können,
denn diese psychophysischen Zustände ersticken vollständig die
Darstellungsentfaltung dessen, was sie sind. Der größte Feind der kreativen
Stimmung aber ist das Zwiegespann von Streß und Angst. Wehrlos preisgegeben
einem feindlichen Körper - dem erhöhten Blutdruck, der Kurzatmigkeit und dem
Schwitzen -, unfähig zur kontrollierten Gedankenführung und gehetzt von obsessiv
wiederkehrenden inneren Bildern, will der Mensch in diesem Zustand nur eines:
Fliehen, vor den anderen und sich selbst. Und wenn die Situation die Flucht
unmöglich macht, dann klammert er sich fest, am Bekannten und Üblichen. Was in
diesem feindlichen Selbstverhältnis also stattfindet, ist eine Schrumpfung und
Verhärtung der Vorstellungskraft, also das Gegenteil dessen, was die Kreativität
braucht: die geweitete Innensphäre und die freundliche Zuwendung zu sich selbst
zusammen mit der “Öffnung zur Welt” in allen ihren Möglichkeiten. Nur dann wird
aufsteigendes Neues nicht weggestoßen, sondern herangelassen.
Der Zustand des entspannten Feldes, in dem man sich in der kreativen Stimmung
selbst erfährt, ist, das ist zu betonen, ein psychophysisches Phänomen, und wie
sehr das der Fall ist, soll an einem kleinen Beispiel illustriert werden. Mir
passiert es oft, daß mir beim sogenannten Joggen ein plötzlicher Worteinfall
einen halbfertigen Gedanken in einem Text, an dem ich gerade arbeite, erhellt,
und zwar vornehmlich durch seinen Ausdrucksgehalt. Dieser erscheint mir dann auf
Anhieb so fraglos-treffend, daß ich überhaupt nicht verstehen kann, wieso er
sich mir nicht von Anfang an dargeboten hat. Nicht selten entrollen sich dann
aus diesem Einfall, während ich weiter jogge, weitere Assoziationen, die dem
Text neue, originelle Wendungen oder eine abschließende Rundung geben oder auch
die Perspektive auf ein neues Kapitel. Und je kreativer mir diese Einfallsketten
erscheinen, die mir zufliegen, desto stärker ist der Überschuß an guter Laune,
den sie - zusätzlich zu dem guten Körpergefühl, das das Laufen sowieso
verschafft - mitproduzieren, ein Überschuß, der sich oftmals in kleinen Anfällen
von Albernheit äußert. Dann kommt es schon mal vor, daß ich entgegenkommende
Hunde - vorausgesetzt sie sind klein und nett - begrüße, übrigens fast immer auf
französisch: “Bonjour, monsieur le chien”. Was sich an diesem Beispiel zunächst
verdeutlichen läßt, ist, wie sich eine bestimmte physische Aktivität psychisch
übersetzt: Der langsame, gleichmäßige Rhythmus des Joggens zusammen mit dem von
ihm bewirkten gleichmäßig-beruhigten Atemrhythmus schaukelt den Körper in eine
wohlige Lockerheit hinein, die - aufgrund der Monotonie des Tuns - auch
Gedankenfixierungen und -verklemmungen löst. Die Psyche wird freigemacht von
allen Stacheln bewußter Intentionen, die sie mit Zielen und Grenzen versehen,
sie wird gewissermaßen abgesenkt auf einen quasi-meditativen Zustand des
Noch-Nicht, in welchem die Gedanken und Vorstellungsbilder nur noch ungelenkt zu
treiben scheinen. Tatsächlich aber treiben sie gar nicht ungelenkt, sondern sie
werden von untergründigen Strömungen geleitet, und zwar auf das hin, was wir im
Alltag willentlich gesucht, aber nicht gefunden haben.- Nicht gefunden haben
deswegen, weil wir versuchten, es unserer Vorstellungskraft abzuzwingen und
dabei Gedankenbarrieren errichteten, die die inneren Bilder auf ihrer Suche nach
ihrem Ziel immer wieder blockierten und zerstörten. Diese Barrieren werden dann
durch den monotonen Lauf- und Atemrhythmus weggeschmolzen, und es entsteht jener
psychische Zustand der frei flottierenden Aufmerksamkeit, der die Gedanken und
Vorstellungsbilder schneller zirkulieren und in bisher unbekannte Regionen der
Innenwelt einströmen läßt, scheinbar ziellos, tatsächlich einer inhärenten Logik
folgend.
Jeder, der künstlerisch tätig ist, kennt aus eigener Erfahrung Merkmale des
gerade Beschriebenen. Aber man kann die phänomenologische Beschreibung der
kreativen Stimmung, die ich gerade versucht habe, auch neurobiologisch
vertiefen, und dabei verwandeln sich die gerade benutzten Metaphern, die sich
beim Schreiben aufdrängen, in wissenschaftliche Fakten, von denen man durch
Introspektion unmöglich wissen kann. Das Überraschende freilich ist, wie sehr
diese Metaphern auch zu diesen Fakten passen.
Zunächst vier Vorbemerkungen (zum folgenden: Vester 2001, 92ff.). Wir wissen,
daß jede unserer Wahrnehmungen und Vorstellungen Erregungsimpulse in unseren
Neuronen bewirkt, die eine sofortige Produktion von Eiweißstoffen nach sich
ziehen. Diese verknüpfen dann jeweils spezifische Gehirnzellen als “Transmitter”
miteinander, indem sie die winzig kleinen Zwischenräume zwischen den einzelnen
Neuronen - den sogenannten “synaptischen Spalt” - überbrücken. Wir wissen
mittlerweile auch, daß alle unsere Erinnerungen - sofern sie über das Stadium
der Kurzzeitgedächtnis-Erinnerung hinausgehen - chemisch in die Gehirnzellen
eingraviert sind, gespeichert in Form kodifizierter Eiweißmoleküle und in
holographisch angeordneten engrammatischen Mustern, die über das Gesamtareal der
unvorstellbar großen Zahl von Gehirnzellen verteilt sind. Drittens wissen wir,
daß “angenehme” Wahrnehmungen und Vorstellungen - am stärksten im
erotisch-sexuellen Bereich - auf der Erregung von Neuronen beruhen, die die
Produktion spezifischer Hormone ankurbeln, über die dann ihrerseits wieder die
Vorstellungsleistungen angeregt werden. Und wir wissen viertens, was im Gehirn
biochemisch bei Stress passiert: eine Hormonproduktion, die die Herstellung der
Transmitterstoffe reduziert, so daß viele Überbrückungen der synaptischen
Spalten nicht mehr möglich sind. Die Gehirnzellen geraten also sozusagen in
vertrocknende Isolation, was zu den bekannten Denk- und Vorstellungsblockaden
führt. Diese vier Hinweise ermöglichen zu sagen, was in der kreativen Stimmung
neurobiologisch geschieht. Das ist zunächst die Herstellung eines positiven
Hormonspiegels durch Lockerheit und Angstfreiheit, der die Produktion der
Transmittersubstanzen anregt. Dabei wird dasjenige, was ein Mensch zu dem Thema
gespeichert hat, mit dem er gerade beschäftigt ist - also spezifische, chemisch
eingravierte und holographisch angeordnete Muster - gewissermaßen in
Schwingungswechselwirkungen zueinander versetzt. Daraus kann dann etwas Neues
entstehen - ein kreative Einfall -, der nun seinerseits, weil man ihn als
“Erfolg” empfindet, gewissermaßen eine weitere “Verbesserung” des Hormonspiegels
nach sich zieht. Und wenn dann dieser Einfall weitere kreative Einfälle nach
sich zieht, wenn also aus den Interferenzen der im Gehirn gespeicherten Muster
sozusagen Ketten neuartiger und als passend empfundener Vorstellungsbilder
entspringen, dann kann dieses zu jenen hormonellen “Kicks” führen, die mich
Hunde auf französisch begrüßen lassen. Das ist - jedenfalls als Grundmuster -
der psycho-biologische Regelkreis, der die “kreative Stimmung” charakterisiert.
Was ich gerade über die kreative Stimmung ausgeführt habe, darf nicht als ein
schematisches Abfolgemodell mißverstanden werden, so, als bestünde der
Schöpfungsprozeß eines Kunstwerks darin, daß sich ein Künstler erst in die
“richtige” Stimmung bringt und ihm dann die “richtigen” Einfälle in den Schoß
fallen. Das wäre naiv. Die “kreative Stimmung” bezeichnet nicht einen ersten
Schritt, sondern eine der psychophysischen Grundvoraussetzungen für den
kreativen Prozeß auf allen seinen Stufen, ihn hintergründig durchgehend
einbettend. Im folgenden werde ich nun konkreter beschreiben, wie sich dieser
Prozeß entfaltet. Dabei soll zunächst noch einmal etwas genauer auf das Wesen
des kreativen Einfalls eingegangen werden. Danach deute ich Grundcharakteristika
dessen, was der Künstler tut, wenn er daraus das Werk hervorwachsen läßt. Beide
Gedankenwege münden in ein ähnliches Resultat: in die Überwindung der
weitverbreiteten Vorstellung, das Kunstwerk sei etwas von seinem Schöpfer
eigenherrlich Gemachtes. Genau das ist es nicht, und das unterscheidet die
Schöpfung von Kunst qualitativ von der Erschaffung technischer Artefakte. Nur
deren Erzeugung bewegt sich im Modus des “Machens“ und der “Macht”,
asymmetrischer Subjekt-Objekt-Beziehungen des “Aufzwingens” und
Verfügbar-Machens, die das genaue Gegenteil der Charakteristika künstlerischer
Schöpfung sind.
4. Der kreative Einfall in den Künsten
4.1. Malerei
Schon die Wortbedeutung von “Einfall” widerspricht allen Vorstellungen von
selbstbestimmtem, eigenherrlichem Tun. Victor Zuckerkandl, der bedeutende
Philosoph und Musiktheoretiker hat das in einem Essay von 1964 schön
ausgedrückt: “Am Anfang jedes Kunstwerks steht der Einfall, die Inspiration;
ohne sie kommt kein echtes Kunstwerk zustande. In ihr meinen wir die eigentlich
schöpferische Leistung des Künstlers vor uns zu haben. Doch sollten schon die
Worte uns stutzig machen. Was einfällt, in den Geist des Künstlers ein-fällt,
kommt nicht aus ihm, sondern von wo anders ..., von ‘außen’ her. Inspiration,
das (ist das) Eingehauchte und Eingeatmete, von einem anderen in den Künstler...
Auch hier also ... erscheint der Mensch nicht in der traditionellen Haltung des
Schaffenden, ein- und zugreifend, aus der Mitte seines Innern nach außen
gerichtet, sondern im Gegenteil offen, bereit zu empfangen, ... Die Tugend des
schöpferischen Menschen erscheint als Tugend des Gefäßes”(Zuckerkandl 1964,
112). Läßt sich das konkretisieren? Wie beschreiben Künstler selbst, wie sie
ihre Einfälle empfangen und aufnehmen? Hören wir zunächst in einige Stimmen von
Malern hinein.
Pierre Soulage, einer der bedeutendsten abstrakten Maler der französischen
Nachkriegszeit, erzählt: “ Ich habe beim Malen keine bildhaften Vorstellungen
oder gar eine feste Absicht, mich lenkt ein innerer Impuls, ein Verlangen nach
gewissen Formen, Farben, Materialien: erst wenn die auf der Leinwand stehen,
sagen sie mir, was ich will. Mein Tun lehrt mich, was ich suche” (kurs. v.
Vf.)(in: Stelzer 1964, 169). Ähnlich Jackson Pollock: “Wenn ich male, bin ich
mir wenig bewußt, was vor sich geht, erst danach sehe ich, was ich gemacht
habe”(in Stelzer ebd., 169). Renoirs Sohn beschreibt die Malweise seines Vaters
so: “ Bei Renoir begann das Bild ...mit unverständlichen Farbschichten, die
nicht einmal Formen darstellten. Manchmal war die Flüssigkeit, Leinöl und
Terpentin ...so reichlich, daß die Farbe von der Leinwand tropfte. Renoir nannte
das den Saft. Mit Hilfe dieses Saftes konnte er in wenigen Pinselstrichen die
gesamte Farbgebung andeuten ...”(in Stelzer ebd., 181). Renoirs Malbeginn
erscheint wie die Variante einer Gebrauchsanweisung, die der bekannte englische
frühromantische Maler Alexander Cozen 1785 in einem Lehrbuch für
Landschaftsmaler formulierte. Dort bezeichnete er das Skizzieren nach der Natur
als einen wenig fruchtbaren Weg zum Bild. Statt dessen empfiehlt er das “blotting”,
das Klecksen. Blotting, schreibt er, heißt “Formen des Zufalls produzieren, die
dann ihrerseits Ideen suggerieren”(in Stelzer ebda., 177) . Auch William Turners
Malbeginn ähnelt dem Blotting: “I drive the colour about till I have expressed
the idea in my mind” - er verstreicht spielend Farben, bis die Idee kommt (Stelzer
ebd., 182). Ganz in diesem Sinne hatte bereits Leonardo da Vinci Malern geraten,
zunächst ganz liederliche Skizzen zu verfertigen, weil aus ihnen die
vielfältigsten Möglichkeiten geschöpft werden könnten. Botticelli war sogar noch
radikaler. Giorgio Vasari, der berühmte Kunsttheoretiker der Renaissance,
berichtet von einer Kontroverse zwischen Leonardo und Botticelli. Letzterer
hielt ähnlich wie Cozen das Landschaftsstudium für überflüssig, denn man brauche
nur einen mit Farben getränkten Schwamm an eine Wand zu werfen, und schon habe
man eine hübsche Landschaft. Leonardo stimmte ihm zu, schränkte aber sofort ein,
daß dadurch nur Winke für die Phantasie entstünden(vgl. Stelzer ebd., 179).
Was läßt sich aus diesen Äußerungen ableiten? Zunächst, daß die
Alltagsvorstellung, Werke der bildenden Kunst entstünden durch “Umsetzung”
“innerer Bilder”, ganz offensichtlich höchst unzureichend ist. Das trifft auf
keinen der gerade zitierten Maler zu, und gilt wohl auch generell für bildende
Kunst des 20.Jahrhunderts - aber auch für viele “freie” Künstler früherer
Epochen - nicht. Am Anfang ihres Schaffens steht gar kein Einfall von der
Qualität einer konturierten Vorstellung, eines “inneren Bildes”, sondern nur
eine spezifische “Stimmung” und ein unreflektierter Automatismus des Machens,
ein Kritzeln, Klecksen und Farbverstreichen. Am Anfang steht gedankenleere
Praxis, die nur in ihren motorischen Merkmalen, ihrem “motorischen Profil”,
einer vagen Steuerung - aber nicht durch das zielgerichtete Bewußtsein des
Künstlers, sondern den Grundton seiner Stimmung - unterliegt. Wenn ich jetzt
sage, daß dem Künstler dabei, bei diesem nichtintendierten Tun, aus einem
Noch-Nichts ein Etwas entgegenkommt - sei es als unscharfer Umriß einer
Inspiration oder als ein ihm plötzlich wie ein vollkommen selbstevidenter Funke
zufallender Einfall - dann habe ich bereits ein Resultat formuliert, das
seinerseits ohne Deutung eines vermittelnden psychophysischen Geschehens nicht
ganz verstanden werden kann. Bevor ich diese Deutung nachhole, sei aber doch das
Ergebnis selbst gebührend unterstrichen: Den kreativen Einfällen geht
offensichtlich das Tun voran, es ist das Tun selber, das sie heranlockt und
gebiert. Dieser Gedanke vom Primat des Tuns im schöpferischen Prozeß
widerspricht allen Alltagsvorstellungen, aber er hat eine lange Tradition und
hat sich dabei mit immer genaueren Einsichten und Beobachtungen angereichert
(zum folgenden vgl. Stelzer ebd., 193ff.). Wir finden ihn in einer bemerkenswert
differenzierten Form in der Kunsttheorie von Novalis, die er als eine
“Tätigkeitslehre” verstand; bei Goethe, bei Heinrich von Kleist, dessen Essay
“Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden” und - so ergänze ich
ganz in seinem Sinn - “beim Schreiben” ihn für den Bereich der Wortkunst
konkretisiert; bei Konrad Fiedler, einem in seiner Bedeutung erst Mitte des 20.
Jahrhunderts entdeckten Kunsttheoretiker aus dem letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts, in dessen Theorie nicht das geschaffene Werk, sondern dessen
Entstehungsprozeß im Zentrum steht und der diesen Prozeß nicht im Kopf des
Künstlers, sondern mit seiner Hand beginnen läßt; und schließlich bei Nietzsche.
Nietzsche radikalisiert ihn in jeder Hinsicht, indem er gewissermaßen den
Künstler und das Werk ganz auf ein Tun reduziert und davon alle traditionellen
Vorstellungen vom “Ich” oder “Subjekt” abzieht. Hören wir Nietzsche zunächst zum
Einfall: ....(Ein) Gedanke kommt, wenn ‘er’ will und nicht, wenn ‘ich’ will; so
daß es eine Fälschung des Tatbestandes ist zu sagen: das Subjekt ‘ich’ ist die
Bedingung des Prädikates ‘denke’. Es denkt...” Ähnlich äußert er zum Tun:
“...(Es) gibt kein ‘Sein’ hinter dem Tun...; der “Täter” ist zum Tun bloß
hinzugedichtet - das Tun ist alles.” Und auch Nietzsche stellt wie Fiedler die
Frage nach der Geburt des Kunstwerks und dem künstlerischen Prozeß allen übrigen
voran: “Jeder Genießende meint, dem Baum habe es an der Frucht gelegen; aber ihm
lag am Samen. - Hierin besteht der Unterschied zwischen allen Schaffenden und
Genießenden.” Der Grundgedanke vom Primat des Tuns für den künstlerischen Prozeß
wurde dann auch einer der Schlüsselgedanken in der französischen Kunsttheorie,
ich erwähne nur Paul Valery und die Dadaisten und Surrealisten.
Nun hatte ich freilich behauptet, daß die Entstehung von Einfällen aus
gedankenleerer Praxis in der Malerei - wir wollen zunächst nur sie betrachten -
ein Resultat formuliert, mit dem die Embryonalentwicklung des Werkes bereits um
eine Stufe - und zwar eine höchst interessante - übersprungen worden ist. Dieser
Stufe und ihrer Deutung müssen wir uns nun zuwenden. Was passiert im Prozesse
der Verwandlung des Noch-Nichts in das Etwas eines Einfalles - also in der
frühesten Schöpfungsphase - beim Maler? Was tut sein Auge? Wie läuft es mit,
während Renoir gedankenleer-spielerisch Farbe auf der Leinwand verstreicht? Und
wodurch kommt es zustande, daß Renoirs Auge ab einem bestimmten Punkt seine Hand
in die ersten Umrisse einer sich konturierenden Form hineinlenkt? Was sich dabei
beim Maler abspielt, und zwar auf einer weder bewußten noch unbewußten Ebene,
sondern als ein Geschehen gewissermaßen im Dämmerzustand des Bewußtseins, das
ist eine spezifische Art der visuellen Wahrnehmung, die den frei flottierenden
Gedankenfäden ähnelt, die ich früher beschrieben habe: das assoziative Sehen.
Das Auge tastet das vor ihm entstehende Noch-Nichts in der Vielfalt seiner
Möglichkeiten ab, ohne sich dabei beobachtend hineinzubohren; in einem
quasi-passivischen Sich-Treibenlassen durchschweift und überfliegt es dieses in
seiner ganzen Vieldeutigkeit, läßt diese auf sich einwirken und spielt mit ihr,
bis sich ihm eine Möglichkeit - ohne daß dieses von seinem Willen beeinflußt
wäre - aufdrängt. So begegnet dem Maler im Zuge seines schweifend-tastenden
assoziativen Hineinsehens ins Mehrdeutige, das seine gedankenleere Praxis
begleitet, jener Einfall, der zur Keimzelle seines Werkes wird.
Das schweifend-assoziierende Hineinsehen ins Mehrdeutige, das in der
Embryonalentwicklung des Kunstwerks beim Künstler als ein Prozeß unterhalb
seiner Bewußtseinsschwelle sozusagen mitläuft, spielt als Motiv auch bei manchen
Schriftstellern eine große Rolle. So läßt Shakespeare Hamlet und Polonius
folgenden Dialog führen:
H.: Seht ihr die Wolke dort, beinah’ in Gestalt eines Kamels?
P.: Beim Himmel, sie sieht wirklich aus wie ein Kamel.
H.: Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel.
P.: Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel.
H.:Oder wie ein Walfisch.
P.: Ganz wie ein Walfisch...
Besonders die deutsche Romantik - erwähnt seien nur E.T.A. Hoffmann, Tieck und
Novalis - ist vom Vieldeutigen und vom assoziierenden Hineinsehen fasziniert.
Dem Studiosus Anselmus in E.T.A.Hoffmanns “Goldenem Topf” kann sich Alles in
Alles verwandeln - seltsame Blüten werden zu “prunkenden Insekten”,
“rosenfarbene und himmelblaue Vögel (zu) duftende(n) Blumen - , und bei Novalis
lesen wir in den “Lehrlingen von Sais: “Mannigfaltige Wege gehen die Menschen.
Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderbare Figuren entstehen sehen;
Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man
überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in
Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern ...in den Feilspänen um den Magnet her,
und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls erblickt”. Diese “sonderbaren
Konjunkturen” des Zufalls aber werden vom Maler geschaffen, durch gedankenleere
Praxis, und sie gebären dann jene Einfälle, aus denen sein Werk hervorwächst.
4.2. Wortkunst
Betreten wir nunmehr den Bereich der Wortkunst. Der erste, der ganz im Sinne
Fiedlers und Nietzsches, nicht das Resultat, sondern den Entstehungsprozeß von
Lyrik, ihr “Herstellungsverfahren” - so sein gleich zu korrigierendes
Selbstmißverständnis - als Kern der Kunsttheorie begriff, war selbst ein
Dichter, und er hat seine Überlegungen an einem eigenen Werk exemplifiziert. Es
war dies Edgar Allan Poe, der allerdings seinerseits tief durch die Literatur
und Literaturtheorie der deutschen Romantik - vor allem durch E.T.A. Hoffmann
und Friedrich Schlegel - beeinflußt war. Mit Poe beginnt jene spezifisch moderne
Selbstreflexion der Wortkunst, die - man denke an Mallarmé, Proust, Joyce und
Thomas Mann - zur Inspiration von Werken führen mußte, die den schöpferischen
Prozeß zum Gegenstand ihrer selbst werden lassen. Poes Aufsatz von 1846 trägt
den Titel “A Philosophy of Composition”, wurde - durch Baudelaires Übersetzung -
zunächst unter französischen Literaten prominent, hat aber ebenso deutsche
Lyriker in der Selbstreflexion ihrer Kunst beeinflußt, zum Beispiel Gottfried
Benn und Hans Magnus Enzensberger, der 1960 ganz im Sinne Poes die Entstehung
eines Gedichts an der Entstehung eines eigenen Gedichtes reflektiert und dabei
einigen ähnlichen Selbstmißverständnissen wie Poe unterliegt. Poe’s Hauptziel in
dem Aufsatz besteht, wie er selbst sagt, darin zu zeigen, “daß sich keine
einzige Stelle (des) Gedichts dem Zufall oder der Inspiration verdankt, daß es
vielmehr Vers für Vers, mit derselben Genauigkeit und Logik aufgebaut ist wie
die einzelnen Sätze eines mathematischen Beweises”( vgl. in Stelzer ebd. 159).
Das ist eine bewußt polemisch zugespitzte Formulierung, die - wörtlich genommen
- falsch ist und auch der Darstellung des poetischen Verfahrens an Hand seines
eigenen Gedichts widerspricht. Sie hat aber eine richtige Intention, nämlich die
Behauptung eines Primats des Tuns - des willkürfreien Tuns - auch für den
poetischen Prozeß. Poe hing zwei Selbstmißverständnissen nach: daß der poetische
Prozeß mit quasi-logischen Deduktionen beginne und daß er zweitens von einer
Methodik des Machens - des Machens im Sinne des gekonnten handwerklichen Tuns -
bestimmt sei. Beides aber ist unrichtig. Das Tun, das auch, wie gleich noch
klarer wird, bei der Schaffung von Gedichten an erster Stelle steht, ist zwar
ohne ein lang geschultes Können nicht denkbar, aber dieses Können - aktualisiert
im poetischen Prozeß - ist das Gegenteil handwerklichen Tuns, und genausowenig
sind Gedichtanfänge aus logische Deduktionen abzuleiten. Bei Poe sieht das so
aus: Gedichte - so sagt er richtig - haben einen bestimmten “Grundton”, eine sie
einfärbende Stimmung, auf denen ihre spezifische Wirkung beruht. Deshalb muß
sich der Dichter, bevor er beginnt, für eine bestimmte Stimmung “entschließen”.
Dieser “Entschluß” zieht aber sofort quasi-logisch gewisse Folgen nach sich.
Wenn sich der Dichter beispielsweise für eine Stimmung der Trauer und
Melancholie “entschieden” hat, dann folgt daraus eine Präferenz für den Vokal
“o”, denn dieser hat die stärkste Affinität zur Stimmung der Melancholie. Mir
leuchtet auf Anhieb die Affinität des Vokals “o” zur Stimmung der Melancholie
ein, aber daraus folgt keineswegs, daß die Präferenz des Dichters für das “o”
als Resultat bewußter Deduktion aufzufassen sei. Wie aber kommt sie zustande?
Wie entsteht der dichterische Prozeß? Wie spinnt er sich fort? Lassen wir kurz
Gottfried Benn sprechen. Benn fragt sich, den Entstehungsprozeß eines Gedichts
reflektierend, “Was liegt im Autor vor?” und antwortet mit drei Hinweisen:
Erstens “ein dumpfer schöpferischer Keim”, zweitens “Worte, die in seiner Hand
liegen, mit denen er umgehen kann...” und drittens besitzt er “einen
Ariadnefaden”, was meint, “daß das Gedicht schon fertig ist, ehe er begonnen
hat, er weiß nur seinen Text noch nicht”(vgl. Stelzer ebd., 161). Benns
Hinweisen füge ich noch einen hinzu, nämlich denjenigen Schillers, der zur
Entstehung seiner Gedichte sagt, am Anfang des Schaffens stünde bei ihm eine Art
musikalischer Empfindung, nicht der Gegenstand.
Hervorhebenswert ist zunächst, daß alle drei Autoren - Poe, Benn und Schiller -
sich in einem Punkt einig sind: daß die Entstehung des Gedichts nicht mit einer
konturierten Idee, einem klaren Einfall beginnt. Am Anfang steht vielmehr eine
spezifische Stimmung, die Benn als “dumpfen schöpferischen Keim” bezeichnet, als
Keim, in dem aber - so wiederum Benn - der “Ariadnefaden” des Gedichts verborgen
sei, wohlgemerkt: auch vor dem Bewußtsein des Dichters “verborgen”. Trotzdem -
so wiederum Benn - leitet dieser Faden den Schaffensprozeß des Dichters. Die
Frage ist dann freilich: Wie - und in welcher Form - rollt er sich ab? Und
wodurch erhält der Dichter jene Winke, die ihn führen? Mir erscheinen folgende
Überlegungen plausibel. Am Anfang steht in der Tat eine spezifische Stimmung,
die aber - das zu verstehen ist wichtig - zweierlei umfaßt: erstens alles
dasjenige, was ich über die psychophysischen Komponenten der “kreativen
Stimmung” gesagt habe - die Durchlässigkeit, die Bereitschaft zur Weitung der
Vorstellungskraft, zum freundlichen Hineinhören in sich selbst und in “die
Welt”; und zweitens Schichten einer ganz spezifischen Stimmung, zum Beispiel der
Melancholie, von der Poe spricht. Das heißt aber keineswegs, daß der
Gemütszustand der Melancholie vom Dichter Besitz ergriffen habe, - wäre das so,
dann könnte er gar nicht dichten. Sondern das heißt, daß er sich vorstellend
diesem Gemütszustand so weit genähert hat, daß dieser seine aktuelle
Befindlichkeit wie mit einem Hauch umfängt, leicht einfärbt. Diese Einfärbung
ist etwas durch und durch Artifizielles, und sie ist dasjenige psychophysische
Artifizium, das den Beginn des dichterischen Prozesses bezeichnet. Inhaltlich
ist diese Stimmung ein Noch-Nichts, aber ein Noch-Nichts, in dem in der Tat
jener “Ariadnefaden” verborgen liegt, den Benn erwähnt. Es sind nun strukturell
ganz ähnliche Prozesse wie in der Malerei, die ihn abrollen, also aus dem
Noch-Nichts ein Etwas erstehen lassen. Es ist auch hier wiederum das Tun des
Dichters, das den Prozeß in Gang setzt, ein Handeln mit Worten gewissermaßen,
die - zunächst möglicherweise noch weitgehend ohne präzisen Vorstellungsgehalt -
ihm dann jene Winke geben, nach denen er sucht. Schauen wir uns das etwas
genauer an einem Beispiel an, an Hans Magnus Enzensbergers Selbstreflexion von
1960 über die Entstehung seines Gedichts “An alle Fernsprechteilnehmer”(zum
folgenden Enzensberger in: Jahresring 1960/61, 158ff.). Die Entstehung dieses
Gedichtes, das mir übrigens keineswegs besonders gefällt, ist aus einem Grunde
besonders interessant: weil der Prozeß des assoziativen Schweifens, der zu der
“Stimmung” gehört, aus der das Gedicht hervorgeht, hier keineswegs nur ein
Vorfeld-Geschehen bezeichnet, sondern sich in den Anfang des Gedichtes selbst
übersetzt, zu dessen Anfang wird. Enzensberger selbst ist sich in seiner
Selbstreflexion sehr bewußt, daß der Gedichtanfang grundsätzlich der heikelste
Punkt ist, und er hebt auch hervor, wie untypisch der Anfang seines Gedichtes
sei, untypisch deshalb, weil es eigentlich keiner ist. Der Anfang, der mit dem
ersten “Einfall” identisch ist, den er zu Papier bringt, lautet nämlich: “etwas,
das ...“ Dieser noch vollkommen gedankenleere Beginn schreibt sich ihm dann
gewissermaßen selbsttätig weiter, zur nächsten Notiz: “etwas, das keinen namen
hat, etwas zähes”. Das unspezifisch-Beunruhigende, das diese Zeile ausdrücken
und evozieren, erfährt dann in der nächsten Notiz mit einem Wort aus der Sphäre
der modernen Technik, dem Wort “Verstärkerämtern”, eine erste Lokalisierung, und
mit dieser Lokalisierung liegt die Keimzelle des Gedichtes - das erste Stückchen
von Benns “Ariadnefaden”- vor. Die ersten vier Zeilen des Gedichts lauten:
“etwas, das keine Farbe hat, etwas, das nach nichts riecht, etwas zähes, trieft
aus den verstärkerämtern, setzt sich fest in die Nähte der Zeit “
Das Interessante an diesem Gedicht ist, daß in ihm der Suchprozeß nach seiner
Keimzelle mit seinem eigenen Anfang zusammenfällt, daß es sich selbst gebiert,
und zwar in einer strukturell gleichen Form gedankenleerer Praxis wie bei
Renoir. Renoirs anfängliches schweifend-suchendes Verstreichen der Farbe hat
sich hier gewissermaßen in ein tastend-suchendes Tun mit Worten übersetzt, das
sich erst mit gezielteren Reflexionen anreichert, nachdem es die Keimzelle
geschaffen hat. Mit der Keimzelle aber ist die Richtung der folgenden Schritte
des Dichters - sogar das Resultat - weitgehend vorgegeben, und im Zuge weiterer
Praxis bringt der Dichter nur noch zur Entfaltung, was sich entfalten will.
Diese Praxis will ich noch etwas näher beschreiben, aber nun nicht mehr anhand
der Wort-, sondern der Tonkunst. Die Komposition eines Musikstückes gehorcht den
gleichen Praxisprinzipien wie die Komposition eines Gedichtes, und wenn ich
diese nunmehr beschreibe, werden wir auch fähig sein, die Selbstmißverständnisse
Poes und Enzenbergers zu korrigieren: Beide haben vollkommen recht, wenn sie die
Entfaltung des Werkes aus der Keimzelle als einen weitgehend willkürfreien
Vorgang beschreiben, aber dieser Vorgang hat nichts zu tun mit “Deduktionen”,
wie Poe annahm, und er liegt auch auf einer anderen Ebene als ein technisches
Machen, mit dem es Enzensberger teilweise vergleicht.
4.3. Musik
Es gibt ein Dokument, das für die Deutung des Wesens der künstlerischen
Kreativität von unschätzbarem Wert ist: die Skizzenhefte Beethovens. In ihnen
hat Beethoven jede Stufe im Schöpfungsprozeß seiner Werke festgehalten, vom
ersten Einfall bis zur vollendeten Tongestalt, alle musikalischen Ideen, die im
Laufe der Komposition eines Stückes seine Vorstellung durchströmten. So hat sich
in ihnen, und das macht sie zu einer einzigartigen Quelle, der Schaffensprozeß
selbst in einer gegenständlichen Spur niedergeschlagen. Dieser Spur entziffernd
zu folgen, bereitet freilich außerordentliche Schwierigkeiten, weil die Spur für
den Uneingeweihten zunächst erscheint wie eine vollkommen chaotische
Zeichenansammlung: Punkte, Flecken, Striche, über Notenlinien ausgestreut,
dazwischen unleserliche Worte. Manches Blatt könnte ohne weiteres in einer
Ausstellung moderner Aktionskunst hängen, als Äußerung eines Tobsuchtsanfalls
oder eines Dämmerzustands vor der Auflösung des Bewußtseins ins Nichts. In
diesem Labyrinth hat Victor Zuckerkandl einmal in einer exemplarischen
Untersuchung die Spur freigelegt, die zum Thema des langsamen Satzes des
Streichquartetts in Es, op. 127, des ersten der berühmten späten Quartette,
führt, zu einer Melodie, die an innerer Notwendigkeit und Vollkommenheit nicht
zu überbieten ist und deshalb wirkt, als sei sie Beethovens Eingebung in einem
glücklichen Augenblick als Ganze in dieser Form zugeflossen (vgl. Zuckerkandl
1964, 122ff.). Tatsächlich aber enthüllt das Skizzenbuch, wie unendlich mühevoll
der Kompositionsprozeß vom ersten Einfall bis zur vollendeten Tongestalt war und
daß Beethoven in einigen Phasen lange Um- und Abwege gehen mußte, um ihr näher
zu kommen. Die Abwege waren also notwendig, notwendig beispielsweise für die
Findung einer Zäsur, an der der Spannungsauf- und abbau im melodischen Geschehen
hängt. Besonders interessant ist der Tatbestand, daß Beethoven den längst
gefundenen und endgültig feststehenden Anfang der Melodie bei jedem neuen
Einfall immer wieder ausschreibt, zehnmal, zwanzigmal, Ton für Ton. So vollzieht
er schreibend immer wieder mit, was bereits feststeht, horcht - wie aus einem
Bestreben, damit eins zu werden - immer wieder neu in das bereits Geschaffene
hinein, um aus dessen Innerem diejenigen neuen Tonverknüpfungen zu finden, die
einzig die Impulse des Anfangsgeschehens richtig weitertragen. Beethovens
Skizzenbücher machen deutlich, daß das Wachstum seiner Tongestalten weder aus
einem zielbewußt geradlinigen Vorgehen besteht, noch aus einem blinden Wechsel
von Versuchen, Verwerfungen und Neuversuchen, sondern aus einer Art geleiteten,
wie von einem geheimen Wissen geleiteten praktischen Tasten, das - vollkommen
willkürfrei - nur schrittweise das zur Entfaltung bringt, was die Töne selbst
wollen. Und nur deshalb, weil er die Töne nicht erzwingt, sondern ihren Impulsen
folgt, entfalten sie sich ihm zu jener vollendeten Melodiegestalt, die im
Quartettsatz vorliegt. Ganz ähnliches gilt übrigens auch für die Wortkunst: Daß
die Bereitschaft des Autors, sich von seinen Figuren führen zu lassen, eine der
Voraussetzungen für das Gelingen seines Werkes ist. Jedenfalls ist es nicht zu
viel gesagt, wenn man sagt, daß es nicht der äußerliche Wille Beethovens war,
der seine Melodie hervorbrachte, sondern daß sie sich im Prozesse tastenden
Vorwärtsfühlen in seiner Phantasie und Hand selbst hervorgebracht hat. Genau das
aber ist das Wesen des kreativen Einfalls und des Schöpfungsprozesses aller
Kunst, ihre Ausnahmestellung unter den Menschenwerken bezeichnend: Daß sie nicht
willentlich herbeigezwungen werden, - weder durch deduktives Konstruieren - wie
in der Mathematik - noch durch präzis-zielbestimmte Anwendungen bekannter
Methoden - wie bei der Herstellung von Handwerksstücken. Die Entstehung des
Kunstwerks folgt nicht den Modi technischen Machens, aber der Künstler ist auch
kein prometheischer Ausnahmemensch, der machtvoll einen widerstrebenden Stoff
nach seinem Willen formt, sondern er ist ein Lauschender, Suchender und
Tastender, gewissermaßen den Willen seines eigenen Werkes vorfühlend und
nachzeichnend, und in diesem Sinn ein “Genie des Gehorsams”. Freilich hat sich
dieses Stadium des Könnens auch den größten Künstlern erst nach langen Wegen
handwerklich-technischen Übens und mühsamen Machens aufgeschlossen, aber
Vergleichbares gilt mehr oder weniger stark für uns alle: Daß unsere kreativen
Einfälle nicht aus dem Nichts kommen, sondern nur aus einem durch Übung
fruchtbar gemachten Boden, und daß sie versiegen, wenn wir sie nicht fortwährend
gestaltend hegen.
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