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W+B Agentur-Presseaussendung
Februar 2008
Buchbesprechung
<< Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten - Die politische
Dimension von Massakern und Völkermorden>>
Originaltitel: Purifier et Détruire. Usages politiques des Massacres
et Génocides; Originalverlag: Paris: Éditions du Seuil 2005
Aus dem Französischen von Thomas Laugstien
450 Seiten. Gebunden; ISBN 978-3-936096-82-8; € 40,00 (inkl. 7%
MWSt.)
Hamburger Institut für Sozialforschung 2007;
http://www.his-online.de; HIS@his-online.de
*) Projekt - Digitale Enzyklopädie der Massengewalt:
www.massviolence.org; weitere
Internetseiten dazu sind im Buch zu verzeichnet u.a.
www.amnesty.org
;
www.cidcm.umd.edu
Inhalt
Der Völkermord gehört zu den Phänomenen, die sich dem menschlichen
Verständnis zu entziehen scheinen. Wie ist es möglich, Tausende,
Hunderttausende, ja Millionen von wehrlosen Menschen zu töten? Sie
dazu noch zu demütigen, zu quälen, zu vergewaltigen, bevor man sie
umbringt? Und wie verwandeln sich innerhalb kurzer Zeit einst
friedfertige Menschen in Mörder?
Mit einer soziohistorischen Ursachenanalyse, der gängigen Praxis in
der Genozidforschung, lässt sich nicht hinreichend erklären, wie
ganz normale Menschen zu Tätern werden. Deshalb geht Sémelin
konsequent interdisziplinär vor und interpretiert seine
umfangreichen Materialien und Quellen u.a. mit Erkenntnissen der
Soziologie, Politologie, Psychologie, Ethnologie. Die Frage nach der
Macht, genauer gesagt: der Vernichtungsmacht, durchzieht dabei wie
ein roter Faden die Untersuchung. Sémelin zeigt, welche Rhetoriken
des Imaginären – zum Beispiel der Angst, der Reinheit, der
Sicherheit – den Vernichtungsaktionen in Deutschland, Ex-Jugoslawien
und Ruanda vorausgingen, welche sprachlichen und geistigen
Manipulationen dazu beitrugen, die Tat vorzubereiten, welche Rolle
der internationale Kontext spielte und wie der Mechanismus des
Mordens jeweils in Gang gesetzt wurde. Der Massenmord offenbart sich
so als vielschichtiger Prozess, in dem kollektive und individuelle
Dynamiken politischer, sozialer und psychologischer Art
ineinandergreifen.
Aufgrund seiner äußerst kritischen Perspektive auf die gegenwärtige
politische Instrumentalisierung des sehr stark juristisch besetzten
»Genozidkonzepts «, führt er den Begriff des Massakers ein. Das
Massaker definiert Sémelin als zumeist kollektive Form der
Vernichtung von Zivilisten und schafft damit die Basis für eine
vergleichende Analyse der Shoah, der sogenannten ethnischen
Säuberungen in Ex-Jugoslawien sowie des Genozids an den Tutsi in
Ruanda. Dabei interessiert ihn insbesondere, wie sich massenförmige
Gewaltdynamiken entfesseln, durch welche Prozesse sich in den
Individuen der Übergang von der abstrakten Idee der Vernichtung zur
konkreten Tat vollzieht.
Was lässt sich daraus für die Genozidforschung ableiten? Sémelin
plädiert dafür, dass sich die Genozidforschung von den
Rechtswissenschaften emanzipiert und ein sozialwissenschaftliches
Profil herausbildet. Die Politik der Massaker noch mehr aus ihrer
jeweiligen Vernichtungsdynamik zu begreifen, ist für ihn ein erster
Ansatzpunkt.
Autor
Jacques Sémelin ist Professor der Politikwissenschaft in Paris und
Forschungsdirektor am Centre d ‘études et de recherches
internationals (CERI/CNRS). Er arbeitet seit vielen Jahren zu den
Problemen der extremen Gewalt und zum Massenmord und ist Initiator
der Online Encyclopedia on Mass Violence.
Fazit
Mit beinahe unheimlicher Gelassenheit trotz
messerscbarf-analytischen Blick erarbeitet sich - in tastenden
Schritten - Jacques Sémelin in seinem neuen Buch ›Säubern und
Vernichten‹ eine wissenschaftliche Distanz, die des
naturwissenschaftlichen Forschers zu den grauenhaften Abgründen des
Menschen und seinen kollektiven Verhaltensweisen auf dem langen Weg,
beginnend mit der Gewalt der Sprache und Zeichen bis zu extremsten
Gewalttaten: Nicht-Wahrnehmen bis Missachten des Anderen,
sprachliche Verletzung (Respektlosigkeit, Niedermachen, Verleumden,
Mobbing...), Anpöbelung, vereinzelte Körperverletzung,
Vergewaltigung, Folter, vereinzelte Tötung, kollektive Ausgrenzung,
Verrat Anderer (Nahestehender, -wohnender), Vertreibung, Massaker
bis zum Genocid (a. B. : Shoah, Rwanda 1994 und Ex-Jugoslawien in
den 1990er Jahren).
Verstehen und Vergleichen? Nein, eine oberflächliche Sackgasse. Denn
zwischen "Tötenwollen und der wirklichen Tat" liegt ein Abgrund
(Regisseur Lanzmann)- genau dieser Frage des "Zur-Tat-Schreitens"
geht Sémelin nach. Dabei zitiert er eingangs nüchtern Historiker
Browning: "Vertehen heisst nicht
Verzeihen". Es geht dem Autor um systematische, nichtexperimentelle
sozialwissenschaftliche Erforschung des Phänomens des
Vernichtungsprozesses und das im Vorfeld eintretende "Umschlagen" in
Formen der Gewalt. Focault spricht dabei von "hochritualisierte
Inszenierung des körperliches Leidens / Quälen eines Einzelnen".
Sémelin spricht von einer "Rhetorik des Imaginären und Heiligen",
die nicht vor körperlicher Vernichtung zurückschreckt. Und weiter:
"der Wissenschaftler... der sich dem Kern
der menschlichen Grausamkeit nähert... sieht sich mit einer Art
Schwarzem Loch konfrontiert". Diese Erkenntnis istK einleuchtend wie
zutiefst erschreckend.
Und weiter "Kultur ist.. ein dynamisches Konstrukt, das vielfältigen
Veränderungen unterliegt". Kultur der Gewaltmythen oder
Identitätsillusionen (Bayart, Politologe) sind für die Klärung
ungeeignet. Auch ethnische, religiöse oder kulturelle Antipathien
führen- empirisch nachgewiesen, nicht zum Massenmord.
Im weiteren untersucht der Autor die Rolle der Ideologie "zwischen
Phantasie und Realität", und kommt auf die "Figur des Verräters im
Identitätsdiskurs (der Völker ihre Träume und Räusche entbergen
Reflexe alter Wunden..).
Aber auch die Opfer, "die Widerstand leisten.. aus der Kraft der
Verzweiflung" zum Überleben, bewirken - ohne es zu wollen - die
Eskalierung der entfachten, schrankenlosen Gewalt gegen sie und
tragen so zur extremen und zum Äussersten be- und getriebenen
"Morphologie extremer Gewalt" bei.
Im abschliessenden Vergleich von Massakern stellt Sémelin
beeindruckend und bedrückend klar fest, "dass ein Massenmordereignis
sowohl einzigartig als auch vergleichbar ist... das besagt vielmehr,
dass seine Merkmale nicht nur besonderer, sondern auch allgemeiner
Natur sind."
Jacques Sémelin hat mit kongenialer Geduld und Akribie des
Forschenden Diskurs und Kritik heranreifen lasse, und sieht dies als
wissenschaftliche Grundlage ( mit digitaler, kommerzfreier
Enzyklopädie der Massengewalt: Eigene Webseite*) als "unbedingt
notwendig". Wir stimmen ihm vollends zu. W. Prankl 08-2 kultur-punkt.
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