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Prof.
Götz-Werner, Karlsruhe: Für ein
bedingungslosen Grundeinkommens
www.unternimm-die-zukunft.de
Ausgangspunkt für die Überlegungen zum bedingungslosen
Grundeinkommen und seiner Finanzierung ist ein Bewusstsein der
grundlegenden Veränderungen, die unsere Gesellschaft durch die in
den vergangenen Jahrzehnten um ein vielfaches gestiegene
Produktivität erfährt. Not und materieller Mangel durch fehlende
Produktionsmöglichkeiten gehören der Vergangenheit an. Heute
übersteigen unsere Kapazitäten unseren Eigenbedarf bei weitem. Unser
gesellschaftliches Bewusstsein ist hinter den Möglichkeiten weit
zurückgeblieben, die sich durch die Arbeitsteilung und die sich
daraus ergebende Produktivitätsentwicklung anbieten.
In
unserer Gesellschaft hat ein zunehmender Teil der Menschen immer
weniger zum Leben und die öffentliche Debatte nährt Befürchtungen,
dies könne sich in naher Zukunft noch verschärfen. Ist dies
angesichts der historisch veränderten Produktivität jedoch nötig?
Liegt der ’Mangel’ in der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft oder in
Finanzierungsverfahren, die in einer Zeit entwickelt wurden, in der
die Produktions- und Konsummöglichkeiten nur ein Bruchteil dessen
waren, was sie heute sind? Der katholische Sozialethiker Oswald von
Nell-Breuning sagte: „Alles, was sich güterwirtschaftlich erstellen
lässt [...], das lässt sich auch finanzieren unter der einzigen
Bedingung, dass man es ehrlich und ernstlich will.” Wenn wir trotz
steigender Produktivität eine schlechtere Versorgung der Menschen
aufgrund mangelnder Finanzierbarkeit befürchten, wäre es dann nicht
an der Zeit über alternative Finanzierungsverfahren nachzudenken?
Welche Finanzierungsverfahren könnten die Situation verbessern?
Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen ein solches
Finanzierungsverfahren sein? Wenn ja, in welcher Weise würde es
wirken und wie ist es zu finanzieren?
Ausgangserkenntnis für die Untersuchung der Finanzierbarkeit des
bedingungslosen Grundeinkommens ist, dass alle Kosten und Steuern,
die im Laufe der Herstellung und Bereitstellung von Gütern und
Dienstleistungen entstehen, in deren Preisen enthalten sind und
somit bei Erwerb durch den Endkunden, den Konsumenten, bezahlt
werden. Die Produktpreise enthalten sowohl Unternehmensgewinn und
Unternehmenssteuern [1] als auch die Kosten für Vorleistungen und
Vorprodukte sowie die Aufwendungen zur Zahlung von Einkommen an die
Mitarbeiter. Daher wird letztlich auch jede Einkommenssteuer aus
Produkterlösen gezahlt und ist somit in den Produktpreisen
enthalten. Aus Unternehmenssicht kann man sagen: die Kosten werden
verkalkuliert. Bei diesem Betrachtungswinkel wird deutlich, dass der
so genannte Nettopreis eines Produktes tatsächlich einen hohen
Steueranteil enthält. Alle Steuern, die nicht Konsum- bzw.
Mehrwertsteuern sind, sind in den Nettopreisen enthalten. Hat ein
Produkt einen Nettopreis von 100 EURO, kommen (im Normalfall) 19
Prozent Mehrwertsteuer hinzu, als Bruttoproduktpreis ergibt sich
also 119 EURO. Bezogen auf den Bruttoproduktpreis enthält der Preis
einen (Mehrwert-)Steueranteil von 15,97% (19 EURO / 119 EURO). Der
tatsächliche Steueranteil liegt jedoch weit über 15,97 Prozent.
Insgesamt ist er so hoch, dass damit die gesamten Staatsausgaben
finanziert werden. Bei einer Staatsquote von ca. 50 Prozent macht
der Steueranteil etwa die Hälfte des Produktpreises aus, abgesehen
von den Steuern, die durch den Export von Produkten von
ausländischen Käufern mitgetragen werden.
Die zweite wichtige Erkenntnis ist, dass sich alle Preise letztlich
in private Einkommen auflösen. Der Gesamtpreis eines Produktes setzt
sich aus Nettopreis und Mehrwertsteuer zusammen. Der Nettopreis
enthält neben den Mitarbeitereinkommen die Gewinne des Unternehmens
(die reinvestiert werden oder in Form von Ausschüttungen den
Unternehmenseigentümern zufließen), die Zahlung von Zinsen an Banken
und sonstige Kreditgeber, letztlich natürlichen Personen, und die
Ausgaben für Vorleistungen.
Die Mehrwertsteuer und alle im Nettopreis enthaltenen Steuern sind
Mittelabflüsse an den Staat. Dieser bezahlt damit Beamte, alle
staatlichen Angestellten, die Zinsen für aufgenommene Kredite sowie
Transferzahlungen und er gibt Geld zum Beispiel für
Infrastrukturmaßnahmen aus, das letztlich immer an private Haushalte
fließt, ob in Form von Lohneinkommen, Zinserträgen,
Unternehmensgewinnen oder sonstigen Zahlungen.
Entwickelte Volkswirtschaften zeichnen sich durch einen hohen Grad
an Arbeitsteilung und Spezialisierung aus. Ein wesentlicher
Unterschied zur Agrar- und Selbstversorgungswirtschaft früherer
Jahrhunderte ist also die hochgradige Interdependenz. In diesem
Sinne können moderne Wirtschaftsformen als organisiertes
Füreinander-Leisten betrachtet werden.[2] Damit lässt sich erklären,
warum wir als Konsumenten ein Interesse daran haben müssen, das
derjenige, der Leistung für uns erbringt, dies möglichst ungestört
tun kann. Eine Einkommensbesteuerung erscheint daher nicht mehr
zeitgemäß. Konsum ist zudem nicht mehr - wie früher - Konsum der
unmittelbar eigenen Arbeitsergebnisse sondern eine Inanspruchnahme
der Leistung anderer, mit anderen Worten: eine Entnahme der von der
Gesellschaft erbrachten Leistung. Denn tatsächlich lebt ja der
Einzelne nicht von dem Geld, das er verdient, sondern von dem, was
er dafür kaufen kann. Die Umstrukturierung des Steuerwesens hin zu
einer Konsum- beziehungsweise Mehrwertsteuer ist daher nur
konsequent.
Ein hohes Maß an Standardisierung von Arbeitsvorgängen, wie dies für
eine stark arbeitsteilige Wirtschaft und Gesellschaft
charakteristisch ist, ermöglicht den Einsatz von Maschinen und die
Entwicklung von Methoden für eine immer effizientere Ausführung
dieser Tätigkeiten. Menschliche Arbeitskraft wird immer weniger
benötigt, gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Kreativität
und geistige Beweglichkeit des Einzelnen. Wenn der Einzelne sein
Einkommen zur Teilhabe an der gesamtgesellschaftlichen
Wirtschaftsleistung in immer geringerem Maße durch seine eigene
Arbeit erwirken kann, weil der Produktionsfaktor Mensch aufgrund von
Standardisierung und Rationalisierung in vielen Wirtschaftsbereichen
immer weniger benötigt wird, sind andere Lösungen gefragt. Eine
Lösung ist die Rücknahme der Produktivität und die Wiedereinführung
von Niedriglohnjobs, durch die der Mensch auf niedrigere
Produktivitätsniveaus zurückgeworfen und in seiner Freiheit
eingeschränkt würde, weil er zur Erzielung eines bestimmten
Einkommens bei niedrigerer Produktivität und Bezahlung wesentlich
mehr arbeiten müsste. Zur dieser Frage der Freiheit bemerkte Ludwig
Erhard bei seiner Grundentscheidung für die Soziale Marktwirtschaft:
„Ein System, das dem Individuum nicht in jedem Falle die freie
Berufs- und Konsumwahl offen lässt, verstößt gegen die menschlichen
Grundrechte und richtet sich, wie die Erfahrung lehrt, zuletzt
gerade gegen diejenigen sozialen Schichten, zu deren Schutz die
künstlichen Eingriffe gedacht waren”[3]. Wer sich auf die Soziale
Marktwirtschaft beruft, muss seine Vorschläge an dieser
Grundentscheidung Erhards messen lassen und an der Frage, ob sie im
Ergebnis die Freiheit des Einzelnen erhöhen oder in Gängelung und
Manipulierbarkeit durch gesteigerte Abhängigkeit münden.
Die in den vergangenen Jahrzehnten erreichte Produktivität der
deutschen Volkswirtschaft ermöglicht einen anderen Weg: um eine
stabile Nachfrage nach den mit hoher Produktivität und abnehmendem
menschlichen Arbeitseinsatz herstellbaren Gütern und
Dienstleistungen zu sichern, benötigen die Menschen alternative
Einkommensquellen, wenn ihre Arbeitskraft in der Produktion immer
weniger erforderlich ist.
In
einer Agrarwirtschaft, in der buchstäblich jede Hand für die Ernte
benötigt wird und ein Ausfallen von Arbeitskraft auch einen
geringeren Ernteertrag bedeutet, erscheint der ‚Zwang zur Arbeit’
gerechtfertigt. In einer Volkswirtschaft jedoch, die zur Sicherung
der materiellen Versorgung immer weniger auf die Arbeitsleistung
aller angewiesen ist erscheint es angemessen, die Menschen auch ohne
deren unter angedrohtem Einkommensvorenthalt erzwungene Mitwirkung
mit dem Einkommen auszustatten, das sie für eine Teilhabe am
gesamtgesellschaftlichen Wohlstand benötigen. Diese Teilhabe lässt
sich durch ein bedingungsloses Grundeinkommen realisieren. Wenn es
bedingungslos ist und an alle Bürger ohne Bedürftigkeitsprüfung
ausgezahlt wird - also auch an all jene, die einen Arbeits- und
Einkommensplatz haben - und wenn es wie vorgeschlagen durch eine
Konsumsteuer finanziert ist, kann es in der folgenden Weise wirken.
Finanzierungsansatz
Ein großer Teil der Menschen in Deutschland erhält bereits heute
Geldzahlungen vom Staat, denen keine direkten Leistungen
gegenüberstehen. Werden all diese Leistungen zu einem
bedingungslosen Grundeinkommen zusammengefasst und entfällt mit der
Anspruchsprüfung auch die Verwaltungsbürokratie, kann ein
nennenswertes Grundeinkommen an alle Bürger ausgezahlt werden.
Professor Thomas Straubhaar hält ein Grundeinkommen von 800 EURO pro
Monat für möglich[4]. Selbst wenn es deutlich geringer ausfallen
sollte, wäre damit eine materielle Grundsicherung erreicht und der
Weg für eine weitere Erhöhung geebnet.
Gelegentlich wird in der Diskussion über die Wirkungsweise des
bedingungslosen Grundeinkommens befürchtet, dass die Unternehmen ein
an alle Bürger gezahltes Grundeinkommen dazu nutzen würden, Löhne zu
senken.[5] Dabei wird jedoch übersehen, dass sie diese gesunkenen
Kosten nicht ohne weiteres als Gewinn einbehalten können sondern sie
aufgrund des herrschenden Wettbewerbs in Form sinkender Preise an
ihre Kunden, die Verbraucher, weitergeben müssen[6]: sobald ein
Wettbewerber seine Preise senkt - und er wird es tun in der
Erwartung, durch günstigere Preise Kunden zu gewinnen - müssen die
übrigen Wettbewerber es ihm gleich tun. Ein sich dadurch potenziell
absenkendes Preisniveau kann dazu genutzt werden, die Konsumsteuer
in dem Maße zu erhöhen, dass die Preise insgesamt stabil bleiben.
Mehreinnahmen aus der erhöhten Konsumsteuer können dann zur
Auszahlung eines höheren Grundeinkommens genutzt werden.
Daraus ergibt sich eine Reihe von Änderungen, von denen an dieser
Stelle zwei skizziert werden sollen. Die erste ist ein veränderter
Anteil von Nettopreis und Konsumsteuer in den Produktpreisen. Im
obigen Beispiel kommen zu derzeit 100 EURO Nettoproduktpreis im
Normalfall 19 EURO Konsumsteuer hinzu. Der Gesamtpreis errechnet
sich also aus:
100 € Nettopreis
19 € Mehrwertsteuer
119 € Gesamtpreis
Nach einer Weitergabe gesunkener Lohnkosten durch die Unternehmen
betrage der neue Nettopreis 90 EURO. Die entsprechende Erhöhung der
Konsumsteuer (in diesem Falle von 19 auf etwas mehr als 32 Prozent)
führt zu einem insgesamt stabilen Preisniveau. Der Gesamtpreis
errechnet sich dann wie folgt:
90 € Nettopreis
29 € Mehrwertsteuer
119 € Gesamtpreis
Dieses Zahlenbeispiel soll hierbei nicht in erster Linie reale
Sachverhalte wiedergeben sondern das Prinzip verdeutlichen. Die
Steuereinnahmen aus der Erhöhung der Mehrwertsteuer um einen
Prozentpunkt betragen derzeit etwa acht Mrd. EURO. Bei ca. 80
Millionen Bezugsberechtigten ergibt sich ein Auszahlungsbetrag für
das Grundeinkommen von ca. 100 EURO pro Person pro Jahr, also etwas
mehr als acht EURO pro Monat, die dann für die Erhöhung des
Grundeinkommens zur Verfügung stehen. Mit einer Konsumsteuerhöhung
von sechs Prozentpunkten könnten monatlich an jeden Bürger 50 €
ausgezahlt werden. Ausgehend von anfänglich 650 EURO [7] sind so
binnen 17 Jahren 1.500 EURO Grundienkommen zu erreichen.
Anstelle der Zusammenfassung der Sozialleistungen zu einem
bedingungslosen Grundeinkommen ist auch eine Erhöhung der
Mehrwertsteuer bei sofortiger Auszahlung als Grundeinkommen denkbar.
Im europäischen Vergleich weist Deutschland mit 19 Prozent eine der
niedrigsten Konsumsteuerquoten auf. Würde in den folgenden drei
Jahren die Konsumsteuer um jeweils drei Prozentpunkte erhöht, könnte
auf dieser Basis bereits ein Grundeinkommen von fast 75 EURO gezahlt
werden, mit entsprechenden Folgen für die Senkung von Löhnen,
Nettopreisen und sonstige Steuern. Deutschland hätte dann eine
Konsumsteuer in der Höhe von Dänemark, Schweden und Ungarn. Wird
beispielsweise eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 23
Prozent erwogen, sollten die Mehreinnahmen aus den zusätzlichen vier
Prozentpunkten nicht zur Stopfung von Löchern im laufenden Etat
verwendet werden sondern zur Auszahlung eines bedingungslosen
Grundeinkommens (im Falle einer Erhöhung um der Mehrwertsteuer um
vier Prozentpunkte etwas über 32 EURO pro Person pro Monat). Die
dadurch mögliche Reduzierung der Zahlungen des Staates (z. B. Löhne
und Gehälter für Angestellte, Beamtenbezüge, Pensionen, Einkommen
von Abgeordneten, Kindergeld und sonstige Transferzahlungen) führen
dann nicht nur zu einer Entlastung der öffentlichen Kassen sondern
zugleich auch zu mehr Freiheit und Selbstbestimmung für den
einzelnen Bürger.
Die Aufnahme der Auszahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens
kann also auf zwei Wegen erfolgen. Der eine ist der Weg der
Zusammenfassung der bestehenden Sozialleistungen. Der andere Weg ist
die Erhöhung der Konsumsteuer zum Beispiel in der skizzierten Weise.
Welcher der Wege gewählt wird oder ob es zu einer gleichzeitigen
Anwendung beider kommt, darüber kann in einer Demokratie nur der
Bürger beziehungsweise können die von ihm beauftragten Vertreter
entscheiden.[8] Das wichtigste ist hierbei jedoch das Verständnis
dafür, dass es sich nicht um eine in einem Schritt umsetzbare Reform
handelt sondern um einen Prozess, der den Menschen mehr und mehr
Freiraum gibt. In jedem Fall würden die bestehenden
Sozialtransfersysteme ins Grundeinkommen integriert. Die bestehenden
Leistungen werden auf das neu zu zahlende Grundeinkommen
angerechnet. Damit wird deutlich: es geht nicht in erster Linie um
die Finanzierung von Transferleistungen, die es bisher nicht gab,
sondern zunächst um die Schließung der heute bestehenden und
beklagten Gerechtigkeitslücke. Erst das zusätzlich zu Zahlende
erfordert eine zusätzliche Finanzierung (durch ein
Steuermehraufkommen). Eine solche schrittweise Umstrukturierung in
Steuerwesen und Lohnstruktur wird voraussichtlich zwischen zehn und
20 Jahre dauern und sollte daher möglichst bald begonnen werden.
Auswirkungen
Auf den ersten Blick scheinen sich, außer der Stabilisierung einer
unbürokratischen Grundsicherung im Falle längerer Arbeitslosigkeit
und der Transferzahlungen für Kinder und alte Menschen, keine
nennenswerten Änderungen für die Mehrheit der Menschen, die
Werktätigen, in Deutschland zu ergeben. Die Auswirkungen auf den
Arbeitsmarkt, die Gründung von Familien, die Kinderfreundlichkeit
der Gesellschaft, die Gründung von Unternehmen und die
Selbstbestimmung der Menschen werden jedoch schnell deutlich. Nehmen
wir hierzu ein weiteres Beispiel: verdient eine ArbeitnehmerIn heute
1.500 EURO netto, ist das gesamte Einkommen abhängig vom
Arbeitsplatz und der geleisteten Arbeit bzw. Arbeitszeit. Das
gesamte Einkommen muss vom Arbeitgeber gezahlt werden. Möchte eine
ArbeitnehmerIn heute für eine intensivere Betreuung von Kindern oder
die Gründung einer Familie einen Tag in der Woche weniger arbeiten,
muss sie/er dazu, sofern der Arbeitgeber zu einer solchen
Vereinbarung bereit ist, mit einem Minderverdienst in Höhe der
Vergütung eines vollen Arbeitstages pro Woche rechnen. Im Beispiel
sind dies 300 EURO (=1.500 Euro dividiert durch fünf
Wochenarbeitstage; zur einfachen Veranschaulichung sei die Wirkung
der progressiven Besteuerung im Beispiel vernachlässigt). Bei einem
Grundeinkommen von beispielsweise 500 EURO würde sich das
Gesamteinkommen des/der ArbeitnehmerIn wie folgt zusammensetzen:
1.000 € Arbeitseinkommen
500 € Grundeinkommen
1.500 € Gesamteinkommen
Auch dieses Zahlenbeispiel dient lediglich der Verdeutlichung des
Prinzips. Entscheidet sich die/der ArbeitnehmerIn für einen Tag
Arbeitsverzicht, muss sie/er nicht mehr mit einem Verdienstausfall
300 EURO sondern nur noch von 200 € rechnen, da der Arbeitgeber auch
nur insgesamt 1.000 EURO für die Arbeitsleistung zahlt. Im Beispiel
kommt es also durch das Grundeinkommen zu einer Reduktion des
Verdienstausfalls um 100 EURO. Die ‚Kosten’ eines nach eigenem
Ermessen verbrachten Tages sind also um ein Drittel gesunken.
Was im Beispiel für die Gründung bzw. den erhöhten Zeitaufwand für
eine Familie gilt, gilt natürlich auch, wenn die/der ArbeitnehmerIn
den gewonnenen Tag für die Aufnahme oder Fortsetzung eines Studiums,
die Verfolgung einer eigenen Geschäftsidee oder die Gründung eines
Unternehmens nutzen möchte. An dieser Stelle wird deutlich, was ein
Grundeinkommen für die Selbstbestimmung und Entfaltung der
persönlichen Fähigkeiten und unternehmerische Initiative jedes
einzelnen bedeuten kann.
Es
ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass Menschen nun sehr viel eher
bereit sein werden, auch angesichts der größeren Unabhängigkeit des
Gesamteinkommens vom Arbeitseinkommen, eine Familie zu gründen oder
auf einen Arbeitstag zu verzichten. Auf diese Weise haben dann jene
verbesserte Aussichten auf eine Anstellung, die derzeit aufgrund
hoher Lohnkosten nicht zum Zuge kommen.
Im
Falle der Gründung einer Familie kommt hinzu, dass ein
Grundeinkommen bereits für Kinder gezahlt werden kann. Auf diese
Weise erhöhen sich die den Familien zur Verfügung stehenden
finanziellen Mittel deutlich. Der zu erwartende Nachfrageimpuls
würde Handel und Produktion beleben.
Durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde
zudem eine Reihe von Entwicklungen in Gang gesetzt, die eine
‚heilende’ Wirkung auf unser Gemeinwesen und nicht zuletzt die
desolate Situation der öffentlichen Finanzen hätten. Ohne dass alle
diese Entwicklungen an dieser Stelle auch nur aufgezählt werden
könnten[9], sein doch einige exemplarisch herausgestellt. Diese
beziehen sich auf die Arbeit am Menschen. Tätigkeiten im Bereich von
Erziehung, Bildung und der Pflege von Alten und Behinderten würden
sich durch ein Grundeinkommen erheblich verbilligen und viele
Menschen könnten es sich ‚leisten’ solche Tätigkeiten auszuführen,
die sie gerne ausführen würden, es aufgrund der heutigen
Finanzierungsverfahren jedoch derzeit nicht können. Dieser gesamte
Bereich leidet derzeit an einem chronischen und immer spürbarer
werdenden Mangel. Durch ein Grundeinkommen könnten auch berufstätige
Menschen ihren Bildungsstand selbstbestimmt erweitern, und das
Angebot von Bildung würde steigen und die Kosten dafür sinken. Die
Bildungsmisere in Deutschland[10] ließe sich überwinden und unsere
Kulturprobleme würden ihrer Lösung einen wichtigen Schritt näher
kommen.[11]
Quellen
[1] Vgl. hierzu eine Studie der Studie der Deutsche Bank Research
(2004): Wer trägt die Last von Unternehmenssteuern (PDF).
[2] Vgl. Werner, G. (2004): Wirtschaft - das Füreinander-Leisten,
http://www.uvka.de/univerlag/volltexte/2004/29/pdf/Antrittsvorlesung.pdf
[3] Erhard, Ludwig: „Grundentscheidung für die Soziale
Marktwirtschaft”, in: Stützel, W., et al. (Hrsg.), Grundtexte zur
sozialen Marktwirtschaft, Stuttgart 1981, S. 40
[4] Vgl. Straubhaar, T. (2005): Wir haben keine andere Wahl
(Interview), in: brandeins 07, Jg. 2005,
http://www.hwwi.org/mediencenter/indenmedien-archiv2005/2005-07_brandeins.pdf
[5] Vgl. ebd.
[6] Zur Verkalkulierung der Kosten, also auch der Weitergabe von
Kostenvorteile, durch Unternehmen siehe oben.
[7] Vgl. Straubhaar, T. (2006): Grundeinkommen sichert die
Nachhaltigkeit des Sozialstaats und sorgt für mehr Beschäftigung in
Deutschland,
HWWI: Pressemitteilung Grundeinkommen (20.04.2006).
[8] Bei Interesse an einer Umfrage und weiteren Informationen und
Initiativen zum Thema Grundeinkommen informieren wir Sie gern, wenn
Sie sich auf der Internetseite in den Newsletter eintragen.
[9] Eine weitere Auswahl an zu erwartenden Auswirkungen findet sich
im Bereich "Fragen zum BGE" .
[10] Die mangelnde Bildung, weniger die wirtschaftliche Armut,
scheint aus der Sicht vieler Menschen das zentrale Problem unseres
Landes zu sein, vgl. z. B. Wüllenweber, W. (2004),
http://www.stern.de/politik/deutschland/?id=533666
[11] Vgl. Werner, G. (2005),
http://www.newwork-newculture.net/downloads/fr-werner.pdf
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