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Bertelsmann-Umfrage "Soziale Gerechtigkeit":
Bevölkerung sieht soziale Schieflage in Deutschland - Nur noch
geringe Zustimmung zum System der „Sozialen Marktwirtschaft“
Ute.Friedrich@Bertelsmann.de; www.bertelsmann-stiftung.de
Rückfragen an: Robert Vehrkamp,
robert.vehrkamp@bertelsmann.de; Andreas
Kleinsteuber,
andreas.kleinsteuber@bertelsmann.de
Gütersloh, 10. Dezember 2007. Der gegenwärtige Wirtschaftsaufschwung
hat nach aktueller Einschätzung der Deutschen nicht zu einer
größeren Gerechtigkeit bei der Verteilung des Einkommens geführt. Im
Gegenteil: Nur noch 15 Prozent sagen, der Aufschwung komme auch bei
ihnen an. Damit ist bei dieser Frage ein historischer Tiefstand
erreicht. Noch im Jahr 2006 gaben 28 Prozent der Bundesbürger an,
das Einkommen sei gerecht verteilt. Das geht aus einer
repräsentativen Befragung der Bertelsmann Stiftung zum Thema
„Soziale Gerechtigkeit“ hervor.
In der Studie wird der Begriff der „Sozialen Gerechtigkeit“ in
folgende Teilgerechtigkeiten gegliedert: Leistungs-, Familien-,
Chancen-, Generationen- und Verteilungsgerechtigkeit. Nach
Auffassung der Bevölkerung ist insbesondere die
Verteilungsgerechtigkeit am wenigsten realisiert. Bei den
Vorschlägen, wie man dieses Problem beheben könnte, geben die
Deutschen mit 74 Prozent der Bekämpfung der Kinderarmut die höchste
Priorität.
Nahezu gleich auf liegt die steuerliche Entlastung von
Geringverdienern mit 72 Prozent. Es folgen die Sicherung eines
Mindesteinkommens durch Mindest- oder Kombilöhne (69 Prozent) sowie
die Abschaffung von Steuerschlupflöchern (67 Prozent). Deutlich
weniger Befragte sprechen sich für eine Wiedereinführung der
Vermögenssteuer (35 Prozent), eine stärkere Belastung von
Unternehmensgewinnen (37 Prozent) oder die Erhöhung des
Spitzensteuersatzes bei der Einkommenssteuer (26 Prozent) aus. Auch
eine Erhöhung der Leistungen für ALG II-Empfänger halten nur weit
weniger als ein Drittel (28 Prozent) der Bundesbürger für geeignet,
um mehr Verteilungsgerechtigkeit
herzustellen.
Höchste Priorität für mehr Generationengerechtigkeit sollten aus
Sicht der Bevölkerung Reformen der sozialen Sicherungssysteme haben.
81 Prozent der Befragten sehen den Schlüssel zur Lösung dieses
Problems in der Reform des Renten- und Gesundheitssystems. Zwei
Drittel der Deutschen halten Hilfen für den Aufbau einer privaten
Altersvorsorge (68 Prozent), mehr Geld für Bildung und Ausbildung um
die junge Generation fit für die Zukunft zu machen (68 Prozent) und
eine stärkere Förderung der Familien (64 Prozent) für besonders
wichtig, um in Deutschland mehr Generationengerechtigkeit zu
realisieren. Deutlich geringere Zustimmung finden dagegen Maßnahmen
zur gezielten finanziellen Entlastung der jüngeren Generation z.B.
durch Steuererleichterungen und Beitragssenkungen (39 Prozent).
Eine Ausbildungsplatzgarantie für alle Schulabgänger ist aus Sicht
der Bevölkerung die mit großem Abstand wichtigste Maßnahme für mehr
Chancengerechtigkeit in Deutschland: Mit 81 Prozent Zustimmung
rangiert damit die Forderung, dass alle Schulabgänger einen
Ausbildungsplatz bekommen, in der Rangliste der Maßnahmen für mehr
Chancengerechtigkeit noch deutlich vor einer besseren Förderung der
Kinder im Vorschulalter (60 Prozent), einer verbesserten
Gleichstellung von Männern und Frauen (58 Prozent) und der
Abschaffung von Studiengebühren (53 Prozent).
Trotz der intensiven öffentlichen Diskussion über die in Deutschland
im internationalen Vergleich geringeren Zugangschancen von Kindern
einkommens- und bildungsschwächerer Schichten zur höheren
Schulbildung und damit zum Hochschulstudium, hält nur etwa ein
Drittel der Bevölkerung die Abschaffung des dreigliedrigen
Schulsystems (35 Prozent) oder eine Erleichterung des Übergangs von
der Haupt- über die Realschule zum Gymnasium für besonders wichtig,
um in Deutschland mehr Chancengerechtigkeit zu erreichen. Auch eine
bessere Förderung von Migranten, damit diese sich beruflich und
gesellschaftlich leichter integrieren können, wird im Sinne von mehr
Chancengerechtigkeit von lediglich 27 Prozent der Menschen in
Deutschland für besonders wichtig gehalten.
Geht es um mehr soziale Gerechtigkeit, sehen Bürger die
skandinavischen Länder als Vorbild. Eine deutliche Mehrheit von 57
Prozent der Bürger orientiert sich dabei an den nordeuropäischen
Ländern Schweden und Dänemark – und das trotz oder gerade wegen der
sozialpolitischen Umbaureformen der skandinavischen Wohlfahrtstaaten
vor allem in den 80er und 90er Jahren. Den Erfolg dieser Reformen
zur Erreichung von mehr sozialer Gerechtigkeit zeigen auch
international vergleichende Gerechtigkeitsstudien sehr deutlich und
bestätigen damit die Einschätzung der Bürger: Bei Kernelementen
sozialer Gerechtigkeit, wie einer geringen Armutsquote, geringer
Arbeitslosigkeit, hoher Beschäftigung von Männern und Frauen,
Bildungschancen unabhängig von der sozialen Herkunft, sozialen
Aufstiegschancen für alle und vergleichsweise geringeren
Einkommensunterschieden innerhalb ihrer Gesellschaften, erreichen
die skandinavischen Länder fast durchweg Spitzenplätze.
Die Soziale Marktwirtschaft Deutschlands gilt beim Thema soziale
Gerechtigkeit derzeit nur noch wenigen als vorbildlich. Lediglich
noch fünf Prozent der Bürger nennen Deutschland als das entwickelte
Industrieland, das ihren Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit am
nächsten kommt. Befragt nach dem entwickelten Industrieland mit der
geringsten sozialen Gerechtigkeit, nennt eine große Mehrheit von
über zwei Drittel (69 Prozent) aller
Bürger die USA. Es folgt Großbritannien mit elf Prozent. Zusammen
genommen ergibt sich daraus eine eindeutige Ablehnung der
Gerechtigkeitsvorstellungen des angelsächsischen Wirtschafts- und
Sozialmodells durch die Bevölkerung in Deutschland.
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